Vortrag von Claus Wergin, Ministerium für Soziales und Gesundheit Mecklenburg-Vorpommern
Junge Menschen heute - Perspektive Arbeitswelt
Eigentlich müsste man Ihnen Geschichten erzählen:
Von Simone, die Ihre Schule abgebrochen hat, auf der Straße lebte und ihren Eltern egal war.
Eine Geschichte von Igor, der zuwenig Deutsch verstand, vermittelt in eine vollzeit-schulische zweijährige Maßnahme und nun langsam merkt, dass er nichts ordentli-ches gelernt hat.
Oder die Geschichte erzählen von Susanne, die in Stralsund Baltic-Management studierte, in Mecklenburg-Vorpommern keinen Job fand und nun in Hamburg nach drei Jahren eine Planungsabteilung in einem Außenhandelsunternehmen übernom-men hat.
Ich vermute jedoch, dass Sie derlei Geschichten selber kennen und erzählen könn-ten. Wahrscheinlich gleichen sich diese Geschichten auch und Probleme zwischen Pasewalk im Landkreis Uecker-Randow kurz vor Stettin und Saarbrücken; Zwischen Löbau und Ahrensburg in Schleswig-Holstein sind so unterschiedlich nicht.
Wir haben ein gemeinsames Problem: Die Teilhabe der nachfolgenden Generation an Arbeit, Ausbildung und letztlich an unserem Wohlstand funktioniert nicht so glatt, wie wir es vor vielen Jahren noch erlebt haben. Wir alle hier im Saal könnten aktuell, vielleicht sogar aus der eigenen Familie, von Jugendarbeitslosigkeit, von der Abwan-derung unserer Kinder oder der Zunahme von destruktiven Bewältigungsmustern junger Menschen berichten. Ich will uns zu Beginn bewusst machen, dass die Prob-leme junger Menschen dicht bei uns liegen, uns selbst betreffen und nicht nur ein zu identifizierendes analytisches Phänomen der jungen Generation ist.
Ich will Sie mitnehmen in exemplarische Bereiche der Problemlagen junger Men-schen in Ostdeutschland. Ich werde Ihnen jetzt Statistiken zumuten, die Sie im An-schluss sicher auch vom Veranstalter bekommen können, so dass Sie sich das Mit-schreiben jetzt ersparen können. Aber ich werde Sie hoffentlich nicht aus der Betrof-fenheit entlassen, denn es sind unsere Kinder über die wir reden und für die wir die Rahmenbedingungen verändern können.
Alle Länder Europas, und insbesondere die westlichen europäischen Länder, haben schon seit vielen Jahren eine hohe Jugendarbeitslosigkeit; im europäischen Ver-gleich fällt Deutschland mit einem jährlichen Wert zwischen 8 % bis 10 % eher gut aus. Betrachtet man separat Ostdeutschland, dann ist der Wert von 2006 mit 17,2 % und der Wert von 2007 mit 14,4 % schon nicht mehr so gut zu betrachten. Nun be-ziehen sich diese Angaben auf die unter 25-Jährigen; betrachtet man die Jugendar-beitslosigkeit differenziert die Altersgruppe die 20- bis 25-Jährigen, dann wird es noch drastischer und die Jugendarbeitslosigkeit steigt schnell in einigen Regionen auf 20 bis 25 %. Das heißt wir haben insbesondere ein Problem an der zweiten Schwelle in Ostdeutschland - und das lautet: Zu viele jungen Menschen haben Beru-fe gelernt, die von der Wirtschaft nur unzureichend nachgefragt werden. Ich werde Ihnen dazu noch gezielte Analysen vorstellen.
Doch beginnen wir mit der ersten Schwelle: Dem Übergang von Schule in die berufli-che Bildung.
1. Bild
Die Grafik zeigt uns, dass der Anteil derjenigen jungen Menschen, die
die Schule ohne Schulabschluss verlassen nach wie vor zu hoch ist. In Mecklenburg-Vorpommern
beispielsweise stehen wir an 14. Stelle im Bundesvergleich mit ca.
11 % der Schüler aus der Allgemeinbildung ohne Schulabschluss.
Die Prognose, die Sie hier sehen, verheißt uns dazu nichts Gutes
– die Anzahl wird höher. Eine gute Schulbildung und ein Abschluss
ist immer die beste Basis für eine erfolgreiche Be-rufsbildung und
damit die zentrale Voraussetzung für dauerhafte Integration in den
Arbeitsmarkt.
Eigentlich müsste die Verbesserung der erreichten Schulabschlüsse und mindestens die Verringerung der Schulabgänge ohne Abschluss zur Verhinderung von Jugend-arbeitslosigkeit sowie für die Entwicklung des Potenzialfaktors "Humanressourcen" unsere wichtigste Aufgabe sein. Wir brauchen demnächst immer mehr junge Men-schen mit besseren Abschlüssen in Ostdeutschland, um den Wettbewerb um die besten Fachkräfte in Deutschland und letztlich in Europa nicht zu verlieren. Die Ent-wicklung ist jedoch genau anders herum: Die bildungsfernen Familien bekommen mehr Kinder als die bildungsnahen Familien.
Wir in Mecklenburg-Vorpommern haben darum bei der Ausgestaltung des neuen Operationellen Programms des Europäischen Sozialfonds zwischen 2007 bis 2013 insbesondere Wert darauf gelegt, hier durch gezielt Programme für die Schule sowie für die außerschulische und schulergänzende Jugendbildung nachzuhelfen.
2. Bild
Auf der zweiten Grafik können Sie den Anteil derjenigen Ausbildungsverträge
sehen, die in Ostdeutschland vorfristig gelöst werden. Das Bundesland
Sachsen hat hier eine durchaus positive Bilanz im Vergleich zu den anderen
Ländern. Ich will hier ein Kollegin, Dr. Achtenhagen, zitieren:
„Fast ein Viertel aller Ausbildungsverträge wird vorzeitig – meist
innerhalb des ersten Lehrjahres – wieder aufgelöst (2005: 118.270).
Zwar sind diese Quoten in den letzten Jahren auch im Osten (mit Ausnahme
von Berlin) leicht sinkend; doch liegen sie außer in Sachsen noch
immer weit über 20 %. Die höchsten Auflösungsraten sind
sowohl im Osten als auch im Westen bei den handwerklichen Berufen zu verzeichnen
(2005: 24,4 %). Deutliche Unterschiede gibt es bei Verträgen in der
Industrie-/Handelsbranche einerseits und der Landwirtschaft andererseits:
Während der Auflösungsanteil im industriellen Bereich im Westen
ne-ben dem Öffentlichen Dienst 2005 mit 16,7 % am geringsten war,
lag er im Osten mit 21,2 % fast 5%-Punkte höher. Genau umgekehrt verhält
es sich bei landwirtschaftli-chen Berufsausbildungen, deren Verträge
im Osten zu 17,0 %
(W: 21,1 %) gelöst wurden.“
Bei der Erklärung zu den Hintergründen der vorzeitigen Auflösung der Lehrverträge muss sehr vorsichtig sein; es gibt naturgemäß nicht die eine Begründung. Wir haben es hier mit einer Mengenlage unterschiedlicher Faktoren zu tun zu den gehören:
• Mangelnde Berufswahlkompetenz und berufliche Fehlentscheidungen
• Konflikte mit den Vorgesetzten und dem Ausbildungspersonal
• unzureichende Berufsreife und mangelnde schulische Vorkenntnisse
• individuelle/gesundheitliche Beeinträchtigungen
• Wohnungswechsel
• Konkursverfahren der Ausbildungsbetriebe
• und nicht zuletzt auch der geregelte Übergang von außerbetrieblicher
oder vollzeitschulischer in betriebliche Ausbildung wird hier gezählt.
Die Lösung eines Ausbildungsvertrags, auch wenn „lediglich“ nur ein Wechsel erfolgt, ist sowohl für das Unternehmen als auch die/den Auszubildende/n immer mit Verlus-ten – sei es finanziell, persönlich oder zeitlich gesehen – verbunden.
3. Bild
Schauen wir uns jetzt näher die schon erwähnte Jugendarbeitslosigkeit
an: Ich be-diene mich hier einer Darstellung, die aus der Studie „Not am
Mann“ entnommen worden ist. Ich kann nur jedem Interessierte raten, diese
Studie, in der es um die Le-benslagen junger Erwachsenen in wirtschaftlichen
Abstiegsregionen der neuen Bun-desländer geht, zu lesen.
An dieser Landkarte aus dem Jahr 2004 können Sie deut-lich erkennen,
dass sich die Jugendarbeitslosigkeit ungleich regional verteilt; der Nordosten,
Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs, Ostsachsens und das alte DDR-Industriegebiet
von Halle hinauf über Mannsfeld bis nach Magdeburg, sind mit über
12 % betroffen. Letztlich sind wir bis Dez. 2007 mit immer noch 12,4 %
in allen ostdeutschen Ländern sehr von der Jugendarbeitslosigkeit
betroffen. Anerken-nend muss jedoch auch betont werden, dass die Instrumente
der Arbeitsverwaltun-gen auf Bundes- und kommunaler Ebene dazu geführt
haben, dass die Jugendar-beitslosigkeit deutlich – um mehr als ein Drittel
– verringert werden konnte. Im Januar diesen Jahre sind dennoch rund 153.000
junge Menschen ohne Arbeit gewesen.
Wer sind nun diese junge Arbeitslosen; ich hatte schon erwähnt,
dass es vor allem die 20- bis 25-Jährigen sind, die überproportional
ohne Arbeit sind. An der ersten Schwelle sind die Probleme weitaus geringer.
Hier nochmals zwei Zahlen: Waren im Januar ca. 20.300 unter 20-Jährige
arbeitslos, waren es in der Altersgruppe 20- bis 25-Jahre hingegen ca.
112.000 Arbeitslose, die zu 75 % von den ARGEN oder optie-renden Kommunen
betreut werden. Ich glaube nicht, dass uns dieses Problem der hohen Jugendarbeitslosigkeit
demnächst zügig demographisch auswächst oder durch einen
sagenhaften Fachkräftebedarf erledigt wird. Das nächste Bild
soll uns das verdeutlichen.
4. Bild
Diese Darstellung der überproportional von Jugendarbeitslosigkeit
betroffenen Be-rufsgruppen kann auch als „Flopliste der Jugendarbeitslosigkeit“
bezeichnet werden. Sie zeigt uns die 20 Männer- und Frauenberufe,
die von der Arbeitslosigkeit in der Altersgruppe 20- bis 25 Jahre (zweite
Schwelle) besonders betroffen sind. Die Liste zeigt uns jedoch auch, wie
viele junge Menschen wir ausgebildet haben in Berufen, die die Wirtschaft
gegenwärtig nicht nachfragt oder auch zukünftig nicht nachfragen
wird. „Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern so viele Köche ausgebildet,
so viele Töpfe gibt es nicht mal im Land.“ – hat einstmals der Arbeitsminister
unseres Landes gesagt. (555 arbeitslose Köche im Alter von 20
bis 25 Jahren im Dez. 2007 in MV) Wie konnte das passie-ren? Waren die
Verantwortlichen für die Ausbildungsförderung nicht aufmerksam
genug oder haben sich nur unzureichend mit der Wirtschaft, insbesondere
den Kammern abgestimmt? Auch hier gilt: eine einfache Erklärung gibt
es nicht. Zu den Gründen zählen beispielsweise:
• viele Berufsbildungsträger hatten in Anlagen, Werkstätten
und Lehrräume in-vestiert und konnten nicht laufend ihre Angebote
wechseln,
• es wurde auch nicht nur für die heimische Wirtschaft ausgebildet,
der gesamte Arbeitsmarkt in Deutschland war im Blick,
• das Bildungsniveau viele junger Menschen lies auch keinen anderen
Lehrbe-ruf zu – man kann nicht aus jedem Jugendlichen einen I-K-Systemadministrator
oder einen Mechatroniker machen,
• die elterlichen Vorbilder beeinflussten sehr die Berufswahl
• Der Arbeitsmarkt selbst war in einer Neustrukturierung und viele
Erwartungen von Branchen gingen in den letzten 10 bis 15 Jahren auch
nicht Erfüllung.
Darum ist die neue Initiative des BMA nur zu begrüßen, dass
jungen Menschen, die eine berufliche Fehlentscheidung getroffen haben und
die von Langzeitarbeitslosig-keit bedroht sind, eine zwei Chance zur erneuten
Berufsausbildung und –förderung erhalten. Hier finden auch Sie auf
kommunaler Ebene viele neue Förderinsturmente, die hoffentlich dazu
führen, die Jugendarbeitslosigkeit an der zweiten Schwelle zu verringern.
Was jedoch noch auf dieser Liste auffällt ist die Tatsache, dass alle Metall-, Elektro- sowie I+K-Berufe gänzlich auf der Männerseite von dieser Liste verschwunden sind. Waren noch vor zwei Jahren Schlosser, Industriemechaniker, Schweißer, Elektriker auf dieser Liste zu finden, so sind es jetzt auf der Männerseite vor allem Hilfsarbeiter-tätigkeiten und die klassischen Bauberufe. Auf der Frauenseite jedoch dominieren immer noch die Bürokaufleute und die Einzelhandelskaufleute mit bis 4.800 arbeits-losen jungen Menschen in diesen Branchen.
Aber wir haben mit der „Flopliste der Jugendarbeitslosigkeit“ noch ein verbundenes Problem hier in Ostdeutschland. Ich will es auf eine einfache Formel bringen: Dieje-nigen jungen Menschen, die wir für den Auf- und Ausbau unserer Wirtschaft dringend brauchen, sind diejenigen, die verstärkt abwandern. Und die jungen Menschen, die wir über den Bedarf der Wirtschaft ausgebildet haben und hier auf der Flopliste ste-hen, sind diejenigen, die allzu oft ortstreu und arbeitslos bleiben. Wir haben ein Mobi-litätsproblem, so gar ein verdrehtes Problem: Die wir brauchen, die gehen; die wir zzt. nicht brauchen, können oder wollen sich nicht bewegen.
5. Bild
Nochmals eine Landkarte aus dem erwähnte Buch „Not am Mann“. Die
Abwande-rung geschieht nicht gleichmäßig, bedroht unser Gemeinwohl,
gefährdet unsere Zu-kunft hier in Ostdeutschland. Es sind die junge
Frauen die zuerst abwandern und entweder junge Männer nach sich ziehen
oder – und ich weis nicht was schlimmer ist – residual verbleiben lassen.
Sie sehen auf dieser Karte deutlich die Kreise, in denen im Vergleich zu
100 jungen Männer nur noch 80 oder weniger junge Frauen in der Altersvergleichskohorte
gegenüber stehen. Ich weis nicht, ob es Ihnen auffällt, die Karte
ist nicht identisch mit der Karte der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Offensichtlich
sind die Verdienst- und Karrierechancen junger Frauen außerhalb ihrer
Herkunftsorte deutlich besser in anderen Regionen Deutschlands. Sie sind
in der Mehrheit die mo-bileren, weltoffeneren und besser ausgebildeten
Menschen. Sie können sich leichter anpassen und werden in den ländlichen
Räumen auch nicht durch den Besitz der Eltern gehalten: „... das haben
wir alles für dich getan, mein Junge!“
Bei dieser Betrachtung gibt es aber noch eine zweite Seite: Auch unter den jungen Frauen gibt es so manche, die nicht den Erfordernissen des modernen Arbeitsmark-tes entsprichen, abgedrängt von der männlichen Überzahl an Bewerbern und nun auch residual verbleiben. Das Mutterdasein schafft Sinnstiftung, die durch die Arbeit und den betrieblichen Alltag nicht gefunden werden konnte. In ländlichen Räumen kann sich hier eine explosive Mischung zusammenbrauen, die mit Bildungsferne und Verwahrlosung einhergehen kann. Das 6. Bild soll uns nochmals auf diese Gesamt-situation aufmerksam machen.
7. Bild
Dieses Bild zeigt uns die Quellen aus denen der Einstellungsbedarf
der Wirtschaft normaler Weise gespeist wird; aus diesen vier Quellen –
Arbeitslose/stille Reserve + Absolventen + Qualimaßnahmen + Pendler
und Rückwanderer + stehen eigentlich mehr Menschen zur Verfügung
als Fachkräfte gebraucht werden. Dennoch haben wir es mit Disparitären
zu tun: Es sind die Fachkräfte auf dem Markt, die nicht dem An-forderungsprofil
der Wirtschaft entsprechen. Darunter leidet die Wettbewerbsfähigkeit
unserer Betriebe.
8. Bild
Ein Kollege vom BIBB, Bent Paulsent, hat vor wenigen Wochen auf einer
Fachta-gung in Schwerin dieses Schaubild erläutert: „Das Dschungelbuch
der Benachteilig-tenförderung“ Bent Paulsen schätzte ein, dass
jährlich ca. 6. Mrd. EURO in dieses Übergangssystem schulischer
und außerschulische Maßnahmen fließen könnten. Deutlich
wird bei diesem Schaubild, dass es eigentlich keine geregelten Übergänge
gibt; man braucht Geheim- und Insiderwissen, um sich in diesem System zurechtzu-finden,
in welchem die Agentur für Arbeit und die ARGEN genauso tätig
sind, wie die Kultusbehörden der Länder oder die örtlichen
Träger der öffentlichen Jugendhilfe der Landkreise und kreisfreien
Städte. Diese hier dargestellte Hilfeformen scheinen soli-tär
zu existieren, werden unterschiedlichst finanziert und haben sich teilweise
ver-selbstständig. Man schätzt, dass in diesem Übergangssystem
genau so viele jungen Menschen betreut werden, wie insgesamt in der dualen
Berufsausbildung. Es gibt kaum noch einen Sachbearbeiter in einer Behörde,
der alle diese Formen der Be-rufsvorbereitung und – orientierung wirklich
kennt. Wo man als betroffener junger Menschen landet, ist zumeist eine
Glücksache.
Dabei sind die Kriterien für eine gelingende Eingliederung auf
dem Arbeitsmarkt hin-länglich Benachteiligter bekannt:
1. Praxisnahe Berufsfrühorientierung an allgemeinbildenden Schulen
in Koope-ration mit Betrieben und somit Förderung der Berufswahlkompetenz,
2. gezielte und vertiefe Berufsvorbereitung, um junge Menschen mit
den prakti-schen und theoretischen Anforderungen vertraut zumachen,
3. Berufsausbildung in einem Betrieb und ggf.
4. Nachqualifizierung vor dem Hintergrund tatsächlicher betrieblicher
Erforder-nisse.
Die Weinheimer Erklärung zur lokalen Verantwortungsgemeinschaft geht somit in die richtige Richtung. Nirgends wo anders, als auf der örtlichen Eben, kann man die Be-darfe der Wirtschaft und die Lebenslagen der jungen Menschen besser einschätzen als auf der örtlichen Ebene.
Ich will diese lokale Mitverantwortung einmal am Beispiel der Produktionsschulen in Dänemark und Deutschland verdeutlichen:
Produktionsschulen werden in Dänemark und auch in Mecklenburg-Vorpommern dual geleitet. Was heißt das?
Von Besuchen in dänischen Produktionsschulen wussten wir, dass regionale Unter-nehmer- und Handwerksverbände die Produktionsschulen in ihrem Wirkungskreis sehr schätzten. In Gesprächen mit ansässigen Unternehmern in Dänemark hörten wir, dass sie immer von IHRER Produktionsschule sprachen und dabei betonten, dass sie so manchen Auszubildenden aus dieser Schule angeworben haben und damit gute Erfahrungen verbunden waren. Auch wurde berichtet, dass die Koopera-tion mit einer Produktionsschule in Dänemark durchaus von Vorteil sein kann, wenn diese Schule im begrenzten und zugelassenen Rahmen industrielle Vorprodukte herstellt oder kleinere Dienstleistung für Betriebe erledigt. In Dänemark wurde deut-lich, dass Unternehmer, Ausbilder, Kammern und Verbandsvertreter auch in der Lei-tung der Produktionsschulen beteiligt sind.
Wir versuchten dieses Prinzip der dualen Leitung – Schulleitung mit dem Träger auf der einen, und Wirtschaftsvertreter auf der anderen Bank – bei Auf- und Ausbau un-serer Produktionsschulen zu übernehmen. Da die sechs Produktionsschulen hier im Land in einem dreijährigen Prozess aufgebaut wurden, konnten ausführliche Ge-spräche mit allen in Frage kommenden Wirtschaftsvertreter vor Start der jeweiligen Produktionsschule aufgenommen werden. Ziel dieser Gespräche war es, die Wirt-schaftsvertreter für die Produktionsschulen zu interessieren und an der Leitung zu beteiligen. Während der Träger einer Produktionsschule die pädagogische, finanziel-le und personelle Verantwortung für die Schule trägt, wurde zusätzlich ein Wirt-schaftsbeirat als schultragendes Leitungs- und Wächterorgan der regionalen Wirt-schaft beauftragt. Dieser Wirtschaftsbeirat hat nunmehr zwei Aufgaben: 1. Verhinde-rung der Wettbewerbsverzerrung durch die Produkte und Dienstleistung der Produk-tionsschule bei Markteintritt und 2. Ausbildungs- und Praktikantenbrücke zur Wirt-schaft. Aber was bedeutet das nun im einzelnen?
Jede Produktionsschule in Mecklenburg-Vorpommern hat einen solchen Wirtschafts-beirat als schulleitendes und beschließendes Organ. In einer Ordnung dieser Beiräte ist festgelegt:
• Der Beirat vertritt die Produktionsschule neben der Schulleitung des
Trägers gegenüber Politik und Öffentlichkeit und berät
die Schulleitung bei der inhaltli-chen Arbeit.
• Die Schulleitung der Produktionsschule schlägt dem Beirat Produktrichtungen,
Produkte und die Preise vor. Deren Umsetzung bedürfen der Zustimmung
des Beirates.
• Der Beirat lässt sich halbjährlich durch Sach- und Zwischenberichte
über die Arbeit der Produktionsschule unterrichten und klärt
grundsätzliche Fragen und Problemfelder, die beim Betrieb der Produktionsschule
auftreten.
Die Wächterfunktion der örtlichen Wirtschaft besteht also
darin, Produkte und Dienst-leistungen sowie die zu erzielenden Preise am
Markt so festzulegen, dass
• der geförderten Produktionsschule kein Wettbewerbsvorteil entstehen
kann,
• kein anderer Anbieter vergleichbarer Erzeugnisse durch niedrige Preise
vom Markt verdrängt wird
• oder das Betrieben, die Dienstleistungen der Produktionsschule annehmen,
kein zusätzlicher wirtschaftlicher Gewinn entsteht.
Die Brückenfunktion in Ausbildung bzw. Arbeit geschieht durch inhaltliche Kenntnis und positive Erfahrung mit der Produktionsschulpädagogik. Aus der Produktions-schule heraus können junge Menschen in regionale Betriebe vermittelt werden, die über ausreichend vorberufliche Erfahrungen verfügen und sozial stabilisiert sind. Be-triebsleiter können sich vor Ausbildungs- oder Arbeitsaufnahme von der Leistung ei-nes Jugendlichen in der Produktionsschule überzeugen und IHREN Wirtschaftsver-treter befragen oder den Jugendlichen als Praktikanten kennen lernen.
Dieses Beispiel der dualen Leitung von Einrichtungen der Jugendberufshilfe zeigt, wie gelingend und nutzbringend eine örtliche Zusammenarbeit sein kann.
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