Konzepte zur Partizipation und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen aus landesplanerischer Perspektive
(Vortrag für das Seminar des Deutschen Institutes für Urbanistik "Mitwirkung und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen - Hindernisse, Probleme, Erfolge" am 20 bis 22. März 2000 in Berlin)
Einführung
Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen bedeutet Wagnis und Weiterentwicklung unserer Demokratie. So definieren wir es gerne als Erwachsene und haben eine Idealvorstellung von der Teilhabe junger Menschen an unserem gesellschaftlichen Leben. Das Interesse junger Menschen jedoch an der Politik scheint sehr gering zu sein. Kann sich dieses in den kommenden Jahren ändern? Werden unsere initiierten Beiteiligungsverfahren in den Kommunen die – um es mit der Shell-Studie zu sagen – Jugend- bzw. Politikerverdorssenheit auflösen können? Werden die vielen Methoden zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an allen sie betreffenden kommunalen Belangen auch Wirkung zeigen? Werden junge Menschen zukünftig mehr und intensiver kommunale Politik gestalten?
Viele Gesetze und andere rechtlichen Bestimmungen stehen uns schon jetzt für die Mitbestimmung zur Verfügung. Unterschiedliche Methoden der Beteiligung haben sich in den vergangenen Jahren bereits bewährt. Ich werde in dieser Einführung versuchen, anhand von politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen Ziele und Wege der Beteiligung zu beschreiben. Gestatten Sie mir, dass ich hierzu manchmal auf die besondere Situation des Landes Mecklenburg-Vorpommern eingehe und Ihnen auf dem Hintergrund der Koalitionserklärung zwischen SPD und der PDS Beispiele für Beteiligungs- und Fördermöglichkeiten aufzeige bzw. auf einige beispielhafte Aktionen von Kommunen und Verbänden auch in Schleswig-Holstein verweise.
Deutsche und regionale Jugendstudien verdeutlichen, daß die Distanz junger Menschen gegenüber Parteien, Gewerkschaften und Verbänden erheblich zugenommen hat. Mann kann in diesem Zusammenhang von einer massiven Vertrauenskrise gegenüber diesen Organisationen aus der Sicht unserer Jugend sprechen. Das Ergebnis einer repräsentativen Befragung der 14- bis 18 Jährigen in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 98 öffnet uns die Augen: Nur 7,7% der befragten Altersgruppe sind sehr stark oder stark an der Politik interessiert; jedoch über 65 % aller Befragten äußerten deutliches Desinteresse an der Politik. Insbesondere den großen Parteien scheint die nachfolgende Generation weder nahe zu stehen, noch trauen sie ihnen zu, die Probleme der Gesellschaft zur lösen. 62% aller befragten junge Leute in Mecklenburg-Vorpommern gehen davon aus, daß sich keine der Parteien ihrer Probleme und Wünsche annimmt. Ebenso sieht es auch die 1997 veröffentlichte Shell-Studie. Sie kommt zu dem Schluß, daß deutschlandweit die Mehrzahl aller jungen Menschen kein Vertrauen in die politischen Gremien, Gewerkschaften oder in die Kirchen haben. Vielmehr trauen sie Bürgerinitiativen, Menschenrechtsgruppen aber auch der Polizei zu, in der Gesellschaft etwas zu bewegen.
Machen wir uns nichts vor: Wir haben es offensichtlich mit einem Rückzug der jungen Generation aus dem politischen und sozialen Leben in Ost und West zu tun. Weder in Parteien noch in Jugendverbänden oder anderen Organisationen - der Sport scheint hier wohl ausgenommen zu sein - engagieren sich junge Menschen langfristig auf Dauer und als festes Mitglied.
In der erwähnten Schülerstudie Mecklenburg-Vorpommern (1997/8) steht: "Grundsätzlich wird von den Jugendlichen soziales Engagement hoch eingeschätzt, woraus allerdings nicht der Schluß gezogen werden kann, daß diese Wertschätzung zugleich dazu führen würde, sich selbst zu engagieren." 85,4 % der Befragten finden es gut und richtig, daß es Leute mit Engagement gibt.
Von allen Befragten finden 78 %, daß es zu wenige Menschen gibt, die sich über ihre Probleme hinaus für andere einsetzen. "Es gibt nach Ansicht der Jugendlichen drei - eher unterschiedliche - Möglichkeiten, die dazu beitragen können, gesellschaftliche Probleme zu verändern. Zum einen favorisieren sie einen Weg der zunächst in dem eigenen engeren Kontext nach Veränderungspotentialen sucht. Zum anderen verweisen sie die Probleme an ihrer Meinung nach Zuständige, in dem sie entsprechende Stellen zum Engagement auffordern wollen. Damit lokalisieren sie ihr eigenes Engagement im unmittelbaren Umfeld und entwickeln außerdem eine Art von "Delegationsprinzip". ... Zum dritten finden nahezu ein Viertel der Jugendlichen es wichtig, aktiv in Vereinen und Verbänden mitzumachen."
Das bedeutet, daß hier offensichtlich Chancen verborgen liegen; den Verbänden und Vereinen wird eine größere Wertschätzung entgegengebracht als anderen. Ebenso macht dieses Votum der Jugendlichen deutlich, daß sie einen organisatorischen Rahmen benötigen, den sie nicht ohne weiteres aus sich selbst heraus herstellen können. Ich warne also davor, Jugendliche als unpolitisch oder als unsozial zu bezeichnen. Sie sind vielleicht nur müde, sich in den bestehenden Strukturen zu engagieren, denn immerhin antworten 90 % der Jugendlichen in einer Studie aus dem Jahre 1994, daß "Demokratie" für sie etwas wertvolles ist. Wie kann dieses demokratische Potential nutzbar gemacht werden?
Noch einmal ein Blick in die Shell-Studie 97. Ihre Ergebnisse überraschen, denn die Engagementbereitschaft ist hoch, doch an Bedingungen geknüpft. Nach den Motiven zum Mittun befragt, landet
auf Platz 1: "Engagement muß Spaß machen",
auf Platz 2 landet: "Ich muß jederzeit wieder aussteigen können",
auf Platz 3 landet: "Ich muß mitbestimmen können, was ich genau tue",
auf Platz 4: "Ich will meine besonderen Fähigkeiten einbringen können"
und auf den letzten beiden Plätzen landen: "Ich möchte dabei Geld verdienen und ich möchte für die geopferte Zeit durch Freistellung entschädigt werden.
"Jugendliche wollen also etwas tun, was Sinn hat und Spaß macht und wobei sie mitbestimmen können. Gefragt sind vor allem mehr Freiräume für eigene Ideen und eigenes Gestalten sowie mehr Gemeinschafts- und Erfolgserlebnisse. Jugendliche sind durchaus bereit, in ihrer Freizeit etwas freiwillig zu tun, lassen sich aber nur ungern von anderen unter Zeitdruck setzen. Da zudem das Freizeitverhalten im Zeitalter von Handy und Computer immer schnellebiger und spontaner wird, können auch Tätigkeiten in der Freizeit nicht von Ewigkeit zu Ewigkeit angelegt sein; Engagement von jungen Menschen ist Engagement auf Zeit. Wer hingegen Lebenszeitbindungen erwartet oder fordert, muß mit Ausstieg und innerer Kündigung rechnen. Soziales Engagement in der Freizeit steht bei Jugendlichen immer mehr unter dem Vorbehalt jederzeitiger Kündbarkeit. Mitarbeit und Mitgliedschaft müssen neu definiert werden von Organisationen und Vereinen, die eine Zukunft haben wollen." ( sinngemäß nach Dr. Dieter Tiemann aus "Jugend und Demokratie", Aufsatz, Landesregierung S.-H.)
Beteiligungsverfahren sind einerseits eine Chance
für Kinder und Jugendliche durch soziales, ökologisches oder
politisches Engagement an der Veränderung ihrer Lebenswelt mitzuwirken;
andererseits ist es die Chance der Erwachsenen, die Interessen des Gemeinwohls
der Jugend nahe zu bringen. Das Wagnis der Beteiligung von Kindern und
Jugendlichen an allen sie betreffenden Problemen und kommunalen Belangen
besteht vor allem in dem Vertrauen in diese Generation. Wenn wir als Erwachsene
und politisch Verantwortliche unseren Kinder nicht zutrauen, Mitverantwortung
zu übernehmen unterliegen wir dem Irrtum, daß Demokratie und
Engagement von alleine gelernt werden. Hier gilt auch die simple Volksweisheit:
"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr". Wer frühzeitig
auf die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen setzt und in seine Planungen
einbezieht kann davon ausgehen, daß diese Generation gelernt hat,
Verantwortung zu übernehmen.
2. gesetzliche Grundlagen
Betrachten wir im Folgenden kurz die bereits bestehenden Gesetze und rechtlichen Regelungen, die uns schon jetzt die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen ermöglichen.
Agenda 21
Hier heißt es in Kapitel 25 unter der Überschrift "KINDER UND JUGENDLICHE UND NACHHALTIGE ENTWICKLUNG", daß die Einbeziehung der heutigen Jugend in umwelt- und entwicklungspolitische Entscheidungsprozesse und ihre Beteiligung mitentscheidend für den langfristigen Erfolg der Agenda 21 ist:
" Es ist zwingend erforderlich, daß Jugendliche aus allen Teilen der Welt auf allen für sie relevanten Ebenen aktiv an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden, weil dies ihr heutiges Leben beeinflußt und Auswirkungen auf ihre Zukunft hat. Zusätzlich zu ihrem intellektuellen Beitrag und ihrer Fähigkeit, unterstützende Kräfte zu mobilisieren, bringen sie einzigartige Ansichten ein, die in Betracht gezogen werden müssen." (Nr. 25.2)
Jedes Land so heißt es in der Agenda weiter, soll in Absprache mit seiner Jugend und deren Organisationen einen Prozeß in Gang bringen, der den Dialog zwischen der Jugend und der Regierung auf allen Ebenen fördert und Kindern und Jugendlichen Gelegenheit geben, ihre Ansichten zu Regierungsentscheidungen darzulegen.
Was ist nun die einzigartige Ansicht, die die Kinder haben könnten und die nach der Agenda 21 unbedingt in Betracht gezogen werden muß?
Mit den Augen unserer Kinder unsere Städte betrachtend, würden wir uns wohl grauen vor soviel Gefahren, Reizen und Verboten. Kinder sind nämlich wie unsere Vorfahren: Sie sind Jäger und Sammler, bauen Flitzebogen, stauen Wasser und schaffen sich Baumhütten. Aus ihrer Sicht betrachtet gleichen unsere Gärten und manchmal auch unsere Parkanlagen eher Friedhöfen. Sie sind nicht zur fröhlichen Nutzung bestimmt; man darf die Wege nicht verlassen, keinen Sand aufnehmen und verstreuen und auf keinen Fall Blumen pflücken - "... das alles gehört sich nicht" - sagen zu mindestens die Erwachsenen.
Es gibt Beispiele dafür, daß Kinder im moderierten Gespräch mit Städteplanern ihre Gefahrenpunkte in der Stadt benannt haben oder mit Planern durch die Straßen ihrer Stadt gegangen sind und auf Unzulänglichkeiten aufmerksam gemacht haben. Kinder haben anders als wir Erwachsenen einen Blick für die fehlende Ampel, für die große Tür die nicht alleine aufgeht, für den schmutzigen Sand im Buddelkasten, für die Scherben auf dem Fußballfeld, für Unebenheiten im Gehwegpflaster. Die Agenda sagt, weil dieses ihr heutiges Leben beeinflußt und Auswirkungen auf ihre Zukunft hat, sollen wir sie rechtzeitig beteiligen und nicht darauf warten, daß sie aus unserer Sicht alt genug dafür sind. Wenn wir zu lange warten könnte die nachfolgende Generation mit destruktiven Mitteln reagieren oder durch Graffiti an unseren Wänden Hilfeschreie aussenden.
In Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention heißt es unter der Überschrift "Berücksichtigung des Kindeswillens":
"Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife. Zu diesem Zweck wird dem Kind insbesondere Gelegenheit gegeben, in allen das Kind berührenden Gerichts- oder Verwaltungsverfahren entweder unmittelbar oder durch einen Vertreter oder eine geeignete Stelle im Einklang mit den innerstaatlichen Verfahrensvorschriften gehört zu werden."
Wir wissen heute, daß bereits Schulkinder ein
sehr genaues Bild von ihrer Gemeinde haben und durchaus fähig sind,
an Beteiligungsprozessen teilzunehmen. Sicher werden sich Kinder und Jugendlichen
nicht schriftlich an einem formalisierten Anhörungsverfahren beteiligen,
aber innerhalb eines durch geschulte Pädagogen moderierten Gespräches
ist dies ohne weiters möglich. In der UN-Kinderrechtskonvention ist
bewußt auf Verwaltungsverfahren hingewiesen worden. Hiermit hat der
Gesetzgeber die Beeinflussung von kommunalen Planungsprozessen im Blick.
In & 8 des SGB VIII (KJHG) heißt es :
"Kinder und Jugendliche sind entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen". Und an anderer Stelle wird die Jugendhilfe aufgefordert, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und Ihre Familien, sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.
Jugend(hilfe)politik kommt also gar nicht umhin, Kinder und Jugendlichen Mitbestimmungsrechte einzuräumen. Der Grundgedanke ist, (so der ehemalige Referatsleiter aus dem Jugendministerium Schleswig-Holsteins, Dr. Dieter Tiemann): "ohne den Ausbau von Mitbestimmung und Mitverantwortung in einer neuen Bürgergesellschaft läuft in Zukunft gar nichts. Wenn ein breiter Rückzug junger Menschen aus dem sozialen Leben zu verzeichnen ist, müssen Interventionsstrategien der Kinder- und Jugendpolitik einschließlich der Schulpolitik ebenfalls breit angelegt sein. Möglichst verschiedene Beteiligungsangebote müssen allen Kindern und Jugendlichen dort gemacht werden, wo sie sich für die Gestaltung ihrer Lebenswelt interessieren."
Dem Mangel an Kinder- und Jugendbeteiligung wollen Beteiligungsmodelle begegnen, die u.a. in den letzten Jahren vor allem in Zusammenhang mit der Verabschiedung des neuen Kinder- und Jugendhilfegesetzes entstanden sind. (Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Initiativen "S.-H. oder M.-V. - ein Land für Kinder" und an die Arbeiten des Professors Stange von der Fh Lüneburg) Partizipation von Jugendlichen macht nur dann Sinn, wenn Jugendliche auch wirklichen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen können. Ein Jugendbeirat bzw. Jugendparlament so weit es sich am parlamentarischen Muster orientiert, erfüllt nach Auffassung unseres Landesjugendringes in Mecklenburg-Vorpommern diese Bedingungen noch nicht. Vielmehr präsentieren sich diese Jugendparlamenten meist nur als "Spielwiese" mit parlamentarischen Methoden und Gepflogenheiten, die von der Mehrzahl der Jugendlichen als ungeeignete Beteiligungsform erlebt wird. Will man Jugendliche besser beteiligen, muss man an ihren Einstellungen und Lebensrealitäten ansetzen. Die Lebenswelt – also das was Kinder und Jugendliche in unseren Städten und Dörfern erleben - muss ernst genommen werden, um dieses danach in konkrete, nachvollziehbare Politik umzusetzen. Vor diesem Hintergrund sind verschiedene Beteiligungsmodelle denkbar, die unter Berücksichtigung der vielfältigen Strukturen zu entwickeln sind. Die Beteiligungsformen werden dabei z.B. in kleinen Gemeinden anders aussehen müssen, als in der Großstadt. In jedem Fall sind aber einige grundlegende Überlegungen voranzustellen und entsprechende Bedingungen zu berücksichtigen:
4. Methoden
Welche geeigneten Methoden der Beteiligung haben sich in den letzten Jahren in der Praxis bewährt? Im Folgenden soll ein kleiner Methodenkatalog vorgestellt werden. (aus Methodensammlung Prof. W. Stange, Lüneburg, im Buch "mitreden - mitplanen - mitmachen" des Deutschen Kinderhilfswerkes)
a Befragungsaktionen mit ausgewählten Gruppen:
b Dialog- und Kommunikationswände:
Es kann z.B. parallel zu einer Veranstaltung oder Befragungsaktion an den Orten über die entschieden werden soll große Papierwände zur allgemeinen Meinungsäußerung aufgestellt werden. Dies ist auch im Freien möglich. So beteiligen sich auch jugendliche Anwohner oder Passanten die vielleicht nicht zur öffentlichen Anhörung gekommen sind, oder die Chance einer gezielten Befragung hatten. Regelmäßig müssen diese Meinungswände ausgewechselt und möglichst mit Kindern und Jugendlichen ausgewertet werden.
c Fotostreifzüge:
Kinder und Jugendliche fotografieren die Gemeinde aus ihrer Sicht. Im Anschluß werden die Ergebnisse den Planern oder Verantwortlichen gezeigt und gemeinsam ausgewertet. Das Motto bzw. Thema des Fotoauftrages muß klar beschrieben sein; z.B. "fotografiert blöde Orte in eurem Stadtteil"
d Jugendeinwohnerversammlung:
Alle Kinder und Jugendlichen werden von der Gemeinde zu einer Jugendversammlung eingeladen, um aktuelle Themen, kommunale Probleme oder Planungen zu besprechen. Dies ist zwar ein schnelles Verfahren, aber die Mobilisierung der Beteiligten kann zum Problem werden. Hier ist man auf qualifizierte Fachkräfte (Brückenpersonen) angewiesen.
e Jugend-TÜV:
f Kinder- und Jugendsprechstunde:
Im Blick sind regelmäßige Sprechstunden, bei denen Kinder und Jugendliche gegenüber Gemeindeverantwortlichen ihre Fragen, Wünsche, Kritiken oder Vorschläge vorbringen können. "Jugend berät den Bürgermeister" - unter diesem Titel gab es hier in Berlin vor einigen Jahren eine ähnliche Initiative.
In dem erwähnten Buch von Prof. W. Stange
sind viele weitere Methoden benannt, wie Kinder und Jugendliche zur Mitbestimmung
verlockt werden können und der Platz würde hier nicht ausreichen,
diese Methoden hier alle vorzustellen.
Allen diesen Methoden ist jedoch gemeinsam, daß
Mitbestimmung und Mitverantwortung die Schlüsselbegriffe sind. Partizipation
und Engagement dürfen keine exotische Ausnahme im Leben von Kindern
und Jugendlichen sein, sondern müssen zum selbstverständlichen
Alltag werden. In der Bundesrepublik hat z.B. die Gemeindeordnung des Landes
Schleswig-Holstein bisher einen deutlichem Vorbildcharakter. Jede Gemeinde
in Schleswig-Holstein soll bei Planungen und Vorhaben, die die Interessen
von Kindern und Jugendlichen berühren, diese in angemessener Weise
beteiligen. Hierzu soll die Gemeinde geeignete Verfahren entwickeln. Der
Gesetzgeber in Schleswig-Holstein hat bewußt darauf verzichtet, den
Gemeinden vorzuschreiben, wie diese Beteiligung sichergestellt wird. Die
dortige Landesregierung hat in der Vorbereitung der Gemeindeordnung wiederholt
deutlich gemacht, daß jede Gemeinde selbst entscheiden soll, weiches
Mitbestimmungsmodell für die jeweiligen lokalen Umstände angemessen
ist.
5. Beispiel Mecklenburg-Vorpommern
siehe auch: www.jugend.in-mv.de
In der Koalitionsvereinbarung in unserem Land Mecklenburg-Vorpommern wird an mehreren Stellen auf die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen hingewiesen. Unter den Ziffern "Jugendpolitik" (Nr. 113) heißt es, daß
Ein weiteres deutliches politisches Zeichen in unserem Land ist die Herabsenkung des Wahlalters bei Kommunalwahlen von 18 auf 16 Jahren. Auch hier sind offensichtlich politische Zeichen gesetzt, junge Menschen mehr für das Gemeinwohl zu interessieren. Dieser Prozeß wird jedoch nur gelingen, wenn er zugleich mit breit angelegter politischer Bildungsarbeit einher geht. Wenn nämlich junge Erwachsene deutlich Wahlabstinenz üben, ist dieses auch ein Zeichen dafür, daß auf der anderen Seite Lernorte für Demokratie und Solidarität nicht allgemein, selbstverständlich und in großer Vielfalt zur Verfügung stehen. Im Hinblick auf eine Kommunalwahl bedeutet es: Beteiligung an den Wahlen setzt Interesse am Gemeinwohl voraus und Interesse am Gemeinwohl gelingt nur durch ernsthafte Beteiligungsprozesse. Zwar reden wir viel über politische Jugendbildung und sie steht wohl auch in jeder Jugendverbandssatzung, doch für junge Leute gelingt politische Bildung nur durch glaubwürdige Prozesse und Projekte, an denen sie selbst mitwirken können. Hier können wir von unseren skandinavischen Nachbarn die Idee der Balance von Mitbestimmung und Mitverantwortung übernehmen. Wer beim Umbau des Schulhofes Hand anlegt und der Kommune damit Kosten sparen hilft, hat ein Recht darauf, über die Gestaltung dieses Schulhofes mitzubestimmen. Wer weitgehend bei der Einrichtung eines Bürgerparks beteiligt wird, übernimmt damit auch ein Stück Verantwortung für diese Anlage. Das Zusammenspiel von Mitbestimmung und Mitverantwortung hat sich in der Praxis vielfach bewährt. Was Lehrerinnen und Lehrer immer wieder berichtet haben, ist inzwischen durch eine schwedische Studie belegt: Mitbestimmung und Mitverantwortung in der Schule reduzieren Gewalt und Vandalismus. Ich bin fest davon überzeugt, daß eine Gemeinde, die auf eine vielfältige Beteiligungskultur setzt, damit auch für sozialen Frieden sorgt.
Ich zitiere aus einem Papier unseres Landesjugendringes "Konzept Beteiligungskampagene 2000 -2004": "Beteiligung findet nicht nur durch politische Instanzen statt, sondern in der Jugendarbeit gehört Partizipation zum Alltag. Jugendverbände sind freiwillige Zusammenschlüsse von Kindern und Jugendlichen, mit dem Ziel, individuelle, soziale und politische Orientierung durch Erziehung und Bildung zu vermitteln und so persönliche Identität und Wertorientierung herauszubilden. Ihre wichtigsten Aufgaben sind Freizeitgestaltung und Interessenvertretung und insbesondere die Verknüpfung beider Bereiche. Grundlegende Charakteristika ihrer Tätigkeit sind Freiwilligkeit, Wertgebundenheit, Selbstorganisation und Ehrenamtlichkeit. ........ Im Zentrum der Aufgabenstellung liegt die Interessenvertretung durch Kinder und Jugendliche selbst sowie durch von ihnen gewählte Vertreterinnen und Vertreter. Sie verstehen sich als Anwälte von Kindern und Jugendlichen und vertreten ihre Interessen in allen sie betreffenden Lebensbereichen. So beteiligen sie sich ausgehend von ihrem Grundverständnis, das Politik mit und für Kinder und Jugendliche Querschnittspolitik ist, an der Ausgestaltung verschiedenster Bereiche der Gesellschaftspolitik, wie z.B. der Jugend-, Bildungs-, Umwelt-, Friedens- oder Frauenpolitik."
- siehe auch verteilte Postkarten des LJR M/V -
"Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an
allen sie betreffenden Angelegenheiten" .... - nochmals Dieter Tiemann,
S.-H. - .... "ist eine Schlüsselentscheidung der Gesellschaft.
Hier entscheidet sich, ob so früh wie möglich die Auseinandersetzung
mit eigenen und anderen Interessen, individuellen Ansprüchen und übergreifenden
Gemeinschafts- und Gesellschaftsinteressen praktiziert und geübt werden
kann. Hier entscheidet sich auch, ob eine demokratische Gesellschaft wirklich
an der Weiterentwicklung der Demokratie interessiert ist. Mitbestimmung
darf dabei nicht eine mehr oder weniger exotische Ausnahme im Leben von
Kindern und Jugendlichen sein, sondern muß zum Regelfall werden."
Wir brauchen - so betrachtet - überall eine breit angelegte und vielfältige
Mitbestimmungskultur, die das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen entscheidend
prägt.
Claus Wergin