Claus Wergin                                                                                                                                                                                              Januar 2008

Teil 2 - Das Landesprogramm „Produktionsschulen in Mecklenburg-Vorpommern“

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Neuanfang,  eine alte Idee setzt sich durch

Seit 2004 wurden nun dennoch im Land Mecklenburg-Vorpommern Schritt für Schritt sechs Produktionsschulen nach dänischem Vorbild flächendeckend aufgebaut. Wie kam es nun zu diesem Neuanfang und wie gelang es, die Schulen verlässlich zu unterstützen? Auf diese Fragen gibt es mehrere Antworten und z. T. auch glückliche Fügungen:

1. Die Produktionsschule blieb interessant und begehrenswert.
Es gab auch in den Folgejahren immer wieder vergleichbare inhaltliche Ansätze produktionsschulähnliche Vorhaben von Trägern der Jugendhilfe und der Berufsbildung. Der Namen „Produktionsschule“ ging in Mecklenburg-Vorpommern niemals verloren. Die innovativen Projekte der Produktionsschule „BOSS“ vom CJD in Waren, im Landkreis Müritz, die Produktionsschule in Zarrendorf bei Stralsund, die Jugendwerkstätten in Rostock mit dem schönen Namen Spartakuß oder in Neubrandenburg in Trägerschaft der Kolpinginitiative, seien hier nur als einige Beispiel aufgezählt, wie an dem pädagogischen Gedanken des produktiven Lernens in der Jugendberufshilfe festgehalten wurde. Mutig und entschlossen versuchten immer wieder engagierte Fachkräfte die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe oder die Arbeitsverwaltungen von dieser Idee zu überzeugen und konnten somit für einen begrenzten Zeitraum die Idee der dänischen Produktionsschule teilweise umsetzen. Leider jedoch mussten diese Träger mehr oder minder Kompromisse mit ihren Fördergebern schließen; das führte mal mehr oder weniger zum Etikettenschwindel am dänischen Vorbild. Über viele Jahre zeigt sich wieder: Eine Produktionsschule ist aus Mitteln der Jugendhilfe und der Arbeitsverwaltung nicht langfristig zu finanzieren. Die in Dänemark geltenden Standards, so z. B. der freiwillige Zugang junger Menschen zur Produktionsschule, die individuelle Verbleibsdauer oder die sehr personenbezogenen Bildungs- und Arbeitspläne waren mit dem deutschen Förder- und Maßnahmenrecht kaum vereinbar. Noch deutlicher wurde es, wenn bei Produkten und Dienstleistungen einer Produktionsschule die Vermutung der Wettbewerbsverzerrung oder –begünstigung eine Rolle spielte. Keine kurzlebigen Produktionsschulwerkstatt konnte vormals eigenständig Produkte auf den Markt bringen oder Dienstleistungen in ihrer Region offen anbieten, noch mit Gewinn veräußern.  Die öffentlichen Geldgeber und die Kammern wachten über das Gebot, dass mit öffentlichen Mitteln jeglicher Eingriff in den Markt verboten ist.

2. Die handelnden Personen, Unterstützer und Fachkräfte wechselten kaum
Es mag wohl ein Glücksumstand in Mecklenburg-Vorpommern gewesen sein, dass, bis auf wenige Ausnahmen, die engagierten Fachkräfte in der Jugendberufshilfe am Thema dran geblieben sind. Viele dieser Kollegen/Innen haben zudem gute Kontakte nach Dänemark; sie standen und stehen bis heute in fachlichen Austauschbeziehungen zu dänischen Schulen. Diese Fachkräfte wurden zu Nestoren beim Aufbau der Produktionsschulen, denn sie verfügten über ausreichend pädagogische Erfahrung, Personalkenntnis, Umgangswissen mit Behörden und Geldgebern, um beim Neubeginn an der rechten Stelle zu sein. Ebenso sind auch die dänischen Kollegen/Innen an der Entwicklung in  Mecklenburg-Vorpommern interessiert geblieben und besuchten verschiedentlich Kongresse und Fachveranstaltungen.
Auch auf der Ebene der Behörden und Verantwortlichen hat es ebenso wenig Wechsel gegeben. Der Gedanke, in Mecklenburg-Vorpommern Produktionsschulen aufzubauen, blieb auch auf der administrativen Ebene erhalten und gilt nach wie vor als eine Option, die vielfältigen Problemlagen junger Menschen an der ersten Schwelle anzugehen.
Gut war sicher auch, dass verantwortliche Ressortminister immer wieder in Dänemark waren und so Produktionsschulpädagogik nicht nur aus papiernen Vorlagen kannten, sondern sie mit eigenen Bildern und Eindrücken verknüpfen konnten.
3. Der Europäischen Sozialfonds zielt auf benachteiligte junge Menschen und eine bessere Integration in Ausbildung und Arbeit
Bei der Erarbeitung des neuen Operationellen Programms des Europäischen Sozialfonds für die Jahre 2007 bis 2013 wurden die Vorgaben und Intentionen der EU-Kommission dahingehend ausgelegt, dass insbesondere junge Menschen vor dem Hintergrund der Verbesserung der Humanressorcen und einer gelingenden Integration in Ausbildung und Arbeit, entsprechende Hilfen brauchen. Der Europäischen Sozialfonds  wurde nicht als arbeitsmarktliches Instrument in Mecklenburg-Vorpommern konzipiert, sondern vielmehr als strukturbildende Hilfe zur Steigerung der Wirtschaftskraft, zur Schaffung und Sicherung dauerhafter Beschäftigung und zur Verbesserung des Arbeitsmarktzugangs und der sozialen Integration.  Mit diesen EU-gemäßen Zielen im Hintergrund wurde schnell deutlich, dass die klassisch personenbezogene Maßnahmenförderung nicht mehr in Frage kommt; vielmehr ging und geht es um Strukturbildung – auch in der Jugendberufshilfe. Was lag da näher, als Produktionsschulen nach dänischem Vorbild in Mecklenburg-Vorpommern aufzubauen.
Im Operationellen Programm des Landes Mecklenburg-Vorpommern heißt es nun:
„Realisiert werden sollen Förderaktivitäten zu Gunsten jugendlicher und junger Erwachsener, die sich zur verbesserten gesellschaftlichen Teilhabe vor allem an solche Jugendliche und jugendliche Aussteiger richten, die in besonderer Weise mit Zugangsproblemen bei Ausbildung und Eingliederung in den Arbeitsmarkt und sozialer Integration konfrontiert sind. Dabei soll die Förderung von Produktionsschulen besonderen Stellenwert haben. Produktionsschulen wurden mit Hilfe der ESF-Förderung seit 2004 in Mecklenburg-Vorpommern aufgebaut. Sie sind als neuartige Projekte der Jugendberufshilfe kein Bestandteil des Systems der allgemein bildenden Schule in Mecklenburg-Vorpommern. Die Produktionsschulen sind darauf ausgerichtet, durch hohe Praxis- und Handlungsorientierung aller Lernprozesse ihren Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Weg in eine Berufsausbildung und Beschäftigung bzw. das Nachholen eines Schulabschlusses zu ermöglichen und zugleich die soziale Integration zu unterstützen.“ (Operationelles Programm des Europäischen Sozialfonds 2007 bis 2013 für  Mecklenburg-Vorpommern, spezifisches Ziel C 2, Seite 102)
 
 

4. Produktionsschulen gelingen in anderen Europäischen Ländern
Im norddeutschen Raum schielt man so manches Mal zu den nördlichen Nachbarn. Die Arbeitsmarktzahlen und die Integrationsrate von Benachteiligten und individuelle Benachteiligung in diesen Länder galt schon immer als Vorbild. Insbesondere Dänemark gab als Musterland für Arbeitsmarktpolitik und Jugendberufshilfe hier ein Leitbild ab. Manche Landesdelegationen waren zwischenzeitlich in Dänemark und wurden immer wieder infiziert von dem Gedanken, auch in Mecklenburg-Vorpommern Gleiches zu versuchen. Dabei sparten unsere dänischen Kollegen/Innen nicht, die Produktionsschulen immer wieder vorzuzeigen. Die Tatschache, dass es Dänemark ein Gesetz zu den Produktionsschulen gibt, gilt nach wie vor als das erstrebenswertes Ziel und so mancher Landespolitiker hat schon offen davon gesprochen, dass auch wir in Deutschland, diese Form der Jugendberufshilfe vergleichbar der im SGB III normierten BvB oder den landesgesetzlich verankerten schulischen Berufsvorbereitungsjahren (BVJ) verankern sollten.

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Nähere Angaben zu den Produktionsschulen in Mecklenburg-Vorpommern finden Sie auch auf dieser Internetseite: www.produktionschulen-mv.de oder auf den Seiten des Bundesverbandes http://bv-produktionsschulen.de/