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Teil 2 - Das Landesprogramm „Produktionsschulen in Mecklenburg-Vorpommern“
Neuanfang, eine alte Idee setzt sich durchSeit 2004 wurden nun dennoch im Land Mecklenburg-Vorpommern Schritt für Schritt sechs Produktionsschulen nach dänischem Vorbild flächendeckend aufgebaut. Wie kam es nun zu diesem Neuanfang und wie gelang es, die Schulen verlässlich zu unterstützen? Auf diese Fragen gibt es mehrere Antworten und z. T. auch glückliche Fügungen:
1. Die Produktionsschule blieb interessant und begehrenswert.
Es gab auch in den Folgejahren immer wieder vergleichbare inhaltliche
Ansätze produktionsschulähnliche Vorhaben von Trägern der
Jugendhilfe und der Berufsbildung. Der Namen „Produktionsschule“ ging in
Mecklenburg-Vorpommern niemals verloren. Die innovativen Projekte der Produktionsschule
„BOSS“ vom CJD in Waren, im Landkreis Müritz, die Produktionsschule
in Zarrendorf bei Stralsund, die Jugendwerkstätten in Rostock mit
dem schönen Namen Spartakuß oder in Neubrandenburg in Trägerschaft
der Kolpinginitiative, seien hier nur als einige Beispiel aufgezählt,
wie an dem pädagogischen Gedanken des produktiven Lernens in der Jugendberufshilfe
festgehalten wurde. Mutig und entschlossen versuchten immer wieder engagierte
Fachkräfte die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe
oder die Arbeitsverwaltungen von dieser Idee zu überzeugen und konnten
somit für einen begrenzten Zeitraum die Idee der dänischen Produktionsschule
teilweise umsetzen. Leider jedoch mussten diese Träger mehr oder minder
Kompromisse mit ihren Fördergebern schließen; das führte
mal mehr oder weniger zum Etikettenschwindel am dänischen Vorbild.
Über viele Jahre zeigt sich wieder: Eine Produktionsschule ist aus
Mitteln der Jugendhilfe und der Arbeitsverwaltung nicht langfristig zu
finanzieren. Die in Dänemark geltenden Standards, so z. B. der freiwillige
Zugang junger Menschen zur Produktionsschule, die individuelle Verbleibsdauer
oder die sehr personenbezogenen Bildungs- und Arbeitspläne waren mit
dem deutschen Förder- und Maßnahmenrecht kaum vereinbar. Noch
deutlicher wurde es, wenn bei Produkten und Dienstleistungen einer Produktionsschule
die Vermutung der Wettbewerbsverzerrung oder –begünstigung eine Rolle
spielte. Keine kurzlebigen Produktionsschulwerkstatt konnte vormals eigenständig
Produkte auf den Markt bringen oder Dienstleistungen in ihrer Region offen
anbieten, noch mit Gewinn veräußern. Die öffentlichen
Geldgeber und die Kammern wachten über das Gebot, dass mit öffentlichen
Mitteln jeglicher Eingriff in den Markt verboten ist.
2. Die handelnden Personen, Unterstützer und Fachkräfte wechselten
kaum
Es mag wohl ein Glücksumstand in Mecklenburg-Vorpommern gewesen
sein, dass, bis auf wenige Ausnahmen, die engagierten Fachkräfte in
der Jugendberufshilfe am Thema dran geblieben sind. Viele dieser Kollegen/Innen
haben zudem gute Kontakte nach Dänemark; sie standen und stehen bis
heute in fachlichen Austauschbeziehungen zu dänischen Schulen. Diese
Fachkräfte wurden zu Nestoren beim Aufbau der Produktionsschulen,
denn sie verfügten über ausreichend pädagogische Erfahrung,
Personalkenntnis, Umgangswissen mit Behörden und Geldgebern, um beim
Neubeginn an der rechten Stelle zu sein. Ebenso sind auch die dänischen
Kollegen/Innen an der Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern interessiert
geblieben und besuchten verschiedentlich Kongresse und Fachveranstaltungen.
Auch auf der Ebene der Behörden und Verantwortlichen hat es ebenso
wenig Wechsel gegeben. Der Gedanke, in Mecklenburg-Vorpommern Produktionsschulen
aufzubauen, blieb auch auf der administrativen Ebene erhalten und gilt
nach wie vor als eine Option, die vielfältigen Problemlagen junger
Menschen an der ersten Schwelle anzugehen.
Gut war sicher auch, dass verantwortliche Ressortminister immer wieder
in Dänemark waren und so Produktionsschulpädagogik nicht nur
aus papiernen Vorlagen kannten, sondern sie mit eigenen Bildern und Eindrücken
verknüpfen konnten.
3. Der Europäischen Sozialfonds zielt auf benachteiligte junge
Menschen und eine bessere Integration in Ausbildung und Arbeit
Bei der Erarbeitung des neuen Operationellen Programms des Europäischen
Sozialfonds für die Jahre 2007 bis 2013 wurden die Vorgaben und Intentionen
der EU-Kommission dahingehend ausgelegt, dass insbesondere junge Menschen
vor dem Hintergrund der Verbesserung der Humanressorcen und einer gelingenden
Integration in Ausbildung und Arbeit, entsprechende Hilfen brauchen. Der
Europäischen Sozialfonds wurde nicht als arbeitsmarktliches
Instrument in Mecklenburg-Vorpommern konzipiert, sondern vielmehr als strukturbildende
Hilfe zur Steigerung der Wirtschaftskraft, zur Schaffung und Sicherung
dauerhafter Beschäftigung und zur Verbesserung des Arbeitsmarktzugangs
und der sozialen Integration. Mit diesen EU-gemäßen Zielen
im Hintergrund wurde schnell deutlich, dass die klassisch personenbezogene
Maßnahmenförderung nicht mehr in Frage kommt; vielmehr ging
und geht es um Strukturbildung – auch in der Jugendberufshilfe. Was lag
da näher, als Produktionsschulen nach dänischem Vorbild in Mecklenburg-Vorpommern
aufzubauen.
Im Operationellen Programm des Landes Mecklenburg-Vorpommern heißt
es nun:
„Realisiert werden sollen Förderaktivitäten zu Gunsten jugendlicher
und junger Erwachsener, die sich zur verbesserten gesellschaftlichen Teilhabe
vor allem an solche Jugendliche und jugendliche Aussteiger richten, die
in besonderer Weise mit Zugangsproblemen bei Ausbildung und Eingliederung
in den Arbeitsmarkt und sozialer Integration konfrontiert sind. Dabei soll
die Förderung von Produktionsschulen besonderen Stellenwert haben.
Produktionsschulen wurden mit Hilfe der ESF-Förderung seit 2004 in
Mecklenburg-Vorpommern aufgebaut. Sie sind als neuartige Projekte der Jugendberufshilfe
kein Bestandteil des Systems der allgemein bildenden Schule in Mecklenburg-Vorpommern.
Die Produktionsschulen sind darauf ausgerichtet, durch hohe Praxis- und
Handlungsorientierung aller Lernprozesse ihren Teilnehmerinnen und Teilnehmer
den Weg in eine Berufsausbildung und Beschäftigung bzw. das Nachholen
eines Schulabschlusses zu ermöglichen und zugleich die soziale Integration
zu unterstützen.“ (Operationelles Programm des Europäischen Sozialfonds
2007 bis 2013 für Mecklenburg-Vorpommern, spezifisches Ziel
C 2, Seite 102)
4. Produktionsschulen gelingen in anderen Europäischen Ländern
Im norddeutschen Raum schielt man so manches Mal zu den nördlichen
Nachbarn. Die Arbeitsmarktzahlen und die Integrationsrate von Benachteiligten
und individuelle Benachteiligung in diesen Länder galt schon immer
als Vorbild. Insbesondere Dänemark gab als Musterland für Arbeitsmarktpolitik
und Jugendberufshilfe hier ein Leitbild ab. Manche Landesdelegationen waren
zwischenzeitlich in Dänemark und wurden immer wieder infiziert von
dem Gedanken, auch in Mecklenburg-Vorpommern Gleiches zu versuchen. Dabei
sparten unsere dänischen Kollegen/Innen nicht, die Produktionsschulen
immer wieder vorzuzeigen. Die Tatschache, dass es Dänemark ein Gesetz
zu den Produktionsschulen gibt, gilt nach wie vor als das erstrebenswertes
Ziel und so mancher Landespolitiker hat schon offen davon gesprochen, dass
auch wir in Deutschland, diese Form der Jugendberufshilfe vergleichbar
der im SGB III normierten BvB oder den landesgesetzlich verankerten schulischen
Berufsvorbereitungsjahren (BVJ) verankern sollten.
Nähere Angaben zu den Produktionsschulen in Mecklenburg-Vorpommern finden Sie auch auf dieser Internetseite: www.produktionschulen-mv.de oder auf den Seiten des Bundesverbandes http://bv-produktionsschulen.de/